Natascha Honegger steht konzentriert zwischen den Pfosten. (Bild: topsportfotografie/ Andy Scherrer).

Seit letzter Woche ist es offiziell: Die NLA-Torhüterin Natascha Honegger spielt künftig für die brasilianische Fussballnationalmannschaft. Sie sagt: «Es war ein Herzensentscheid.» Im ersten Nati-Training traf sie gleich auf eine sechsfache Weltfussballerin.

Mit einem blauen FCL-Jumper sitzt Natascha Honegger in einem Luzerner Restaurant. Die prallgefüllte Trainingstasche lässt erahnen: Honegger hat etwas vor. Der Blick der Torfrau ist konzentriert und weich zugleich. Ein Markenzeichen von Honegger, wie sich später herausstellt: «Mit meinem Blick mache ich meine Gegenspielerinnen nervös – besonders bei Penaltys.»

Ein Lächeln huscht ihr nur übers Gesicht, wenn sie Grund dazu hat. Für aussenstehende Personen wirke dies teilweise arrogant. «Allerdings bin ich ziemlich offen und extrovertiert.» Auch aufgrund ihrer brasilianischen Wurzeln. Ihre Mutter ist Brasilianerin, ihr Vater Schweizer.

Seit 2015 sorgt die in Zürich wohnhafte Honegger dafür, dass die Bälle die Torlinie nicht überqueren. Heute ist Honegger 21 Jahre alt. Als damals 18-jährige wollte sie nach sieben Jahren im Nachwuchs des FC Zürich eine andere Welt entdecken und den grossen Sprung zu einem NLA-Verein wagen.

img-article-1

Natascha Honegger hütet das Tor der FCL Spitzenfussball Frauen. (Bild: topsportfotografie/ Andy Scherrer)

Transferiert wurde sie von der zweiten Mannschaft des FCZ zum FC Basel. Vom FCB sah die junge Doppelbürgerin allerdings wenig. Ohne ein einziges Training bestritten zu haben, wurde sie an den FC Luzern verliehen und später ganz übernommen. Drahtzieher für den Transfer auf Leihbasis war der damalige Luzerner Sportchef Andy Egli.

Der Weg in die Seleção

Seither hat sich Honegger in Luzern nicht nur etabliert, sondern auf nationaler und kürzlich auch auf internationaler Bühne für Furore gesorgt. Im vergangen Herbst erhielt Honegger das erste Aufgebot für den Zusammenzug des Schweizer Frauen-Nationalteams.

Fast zeitgleich wurde auch der brasilianische Fussballverband auf die junge Athletin aufmerksam. Noch während eines Zusammenzugs der Schweizerinnen in Spanien diesen Januar erhielt Honegger eine Anfrage von Übersee. Honegger: «Im ersten Augenblick fühlte es sich an wie ein Traum. Bereits als Vierjährige trug ich das Leibchen der Seleção.» Ein Traum, der bald Wirklichkeit werden sollte.

«Ich bin Vollblutbrasilianerin: Singen und Tanzen gehören zu meinem Wesen.»

Natascha Honegger, Torhüterin des FC Luzern

Erst vor einigen Tagen sei in ihr der Entscheid gereift, in Zukunft entgegen den Erwartungen für die brasilianische und nicht für die Schweizer Nationalmannschaft aufzulaufen. Nach dem Statement waren die Reaktionen ihres engen Umfeldes geteilt. Honegger sagt heute: «Es gab auch Kritiker, weil ich bereits einige Mal für die Juniorinnennationalteams spielte.»

Der Entscheid fiel schlussendlich auf Brasilien, weil sie dort mehr «Tascha», wie sie inzwischen in Brasilien genannt wird, sein könne. Honegger: «Ich bin Vollblutbrasilianerin: Singen und Tanzen gehören zu meinem Wesen.» Die herzliche Kultur spürte sie auch beim Zusammenzug Ende Januar. Egal ob bei den Mitspielerinnen oder dem Trainerstaff, geherzt wurde sie im ersten Training von allen. Ausser von den Torhüterinnen wie Honegger mit einem Lächeln zugibt.

get_img (1)

Natascha Honegger bei ihren ersten Trainings in der brasilianischen Nationalmannschaft. (Bild: zvg)

Mit der sechsfachen Weltfussballerin im Training

Gleichzeitig hatte sie auch den Eindruck, dem Frauenfussball würde in Brasilien mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegengebracht. Fakt ist nämlich, dass die Frauen im Hauptquartier des brasilianischen Fussballverbandes trainieren. Am gleichen Ort also, wo Neymar und Co. die Fussballschuhe schnüren.

Beim ersten Aufeinandertreffen mit der sechsfachen Weltfussballerin Marta in Rio fiel es ihr aber noch schwer, das Erlebte zu realisieren. Spätestens als sie gegen die aktuelle Weltfussballerin zwischen den Pfosten stand, kehrte Honegger in die Realität zurück. Honegger sinniert: «Als ich den ersten Schuss von Marta abwehrte, dachte ich zuerst: Scheisse, ich habe meine Hand gebrochen.» Ein Lachen und ein Hauch von Stolz kann sich Honegger beim Gedanken an diesen Moment nicht verkneifen. Sowieso sei sie auch vom Superstar sehr herzlich empfangen worden. «Sie hat mir zum Aufgebot gratuliert», sagt Honegger.

«Nachwuchs gibt es zwar, aber viele besitzen nicht dieselbe technische Ausbildung wie ich.»

Natascha Honegger, Torhüterin des FC Luzern

Ausschlaggebend für Honeggers Entscheid war aber nicht nur die Kultur. Auch der Blick in die Zukunft trug sein Wesentliches zum Entscheid bei. In der Seleção sieht sie bessere Karrieremöglichkeiten. Zwei Torhüterinnen sind bald 30 Jahre alt und werden wohl in den nächsten Jahren zurücktreten. Honegger: «Nachwuchs gibt es zwar, aber viele besitzen nicht dieselbe technische Ausbildung wie ich.»

Mit der Seleção an die WM?

In der Schweiz ist die Konkurrenz auf der Torhüterposition grösser. Auch deshalb hat sie sich gegen die Schweiz entschieden. Denn Honegger verfolgt im Hinblick auf den kommenden Sommer ein klares Ziel: Sie möchte ins Ausland und eines Tages zu den besten Torhüterinnen der Welt gehören.

Diesem Ziel verschreibt Honegger seit diesem Jahr alles: Dreimal in der Woche fährt sie von Greifensee im Kanton Zürich nach Luzern. Ein Mal pro Woche trainiert sie alleine ihre Explosivkraft im Krafttraining in Zürich.

Drei Jahre lang hat sie neben dem Fussball als Kundenbetreuerin bei einer Versicherung gearbeitet, um es sich heute zu leisten, sich voll und ganz auf den Fussball konzentrieren zu können. Neben dem Fussball widmet sie ihre Zeit der Berufsmittelschule, die sie im Sommer abschliesst.

Wenn im Sommer die Frauen-WM in Frankreich stattfindet, fehlen zwar die Schweizerinnen. Aber mit viel harter Arbeit und etwas Glück könnte die Schweiz und Luzern mit Natascha Honegger trotzdem vertreten sein.

Natascha Honegger umgeben von brasilianischen Mannschaftskolleginnen. (Bild: zvg)